Archiv für Erinnerungen
Ich glaube fest daran, dass Aufbewahrungsmöbel mehr können sollten, als nur funktional zu sein. Für mich beginnt gute Gestaltung dort, wo Neugierde aufkommt, wo man mit raffinierten Ideen Begeisterung auslösen kann.
Diplom Thesis
Das Archiv verwandelt das Speichern und Wiederfinden von Erinnerungen in einen bewussten, körperlichen Akt. Es besteht grundlegend aus zwei Objekten, einem klassischen Aufbewahrungsmöbel aus Ulmenholz – einem Holz, das in der Industrie ein wenig in Vergessenheit geraten ist – und einer Konsole mit Rätselmodulen, die gelöst werden müssen. In dem Archiv werden Gegenstände gespeichert, die man mit Erinnerungen verbindet und die Konsole dient als Schlüssel um sie zu öffnen.
Auf unterschiedlichen Ebenen sind, wie in einer Art Datenbank, Schubkästen wie Speicherslots angebracht. Sie sind zunächst versperrt und brauchen die Lösung aller Rätsel, damit sie sich öffnen. Weil nichts von außen anzeigt, was sich im Inneren verbirgt, muss man sich also merken, welche Erinnerung wo abgelegt wurde.
Das verlangt Aufmerksamkeit und macht den Zugriff zu einem bewussten Akt. Um zusätzliche Interaktion einzufordern sind die Schubkästen versetzt angeordnet, sodass man um das Objekt herum gehen, oder es drehen muss.
Das Lösen der Rätsel dauert ebenfalls seine Zeit, wobei es auch gewollt ist, dass man ein paar Minuten mit ihnen verbringt, um dann letztendlich an den eigentlichen Inhalt heran zu kommen. Das kann man auch als Metapher für die Entstehungsgeschichte solcher Erinnerungen sehen, weil eben bestimmte Prozesse passieren mussten, die zu diesem Moment im Leben geführt haben.
Alles hat eine Vergangenheit, einen Weg den man erst gehen musste.
Man kann es auch umdrehen und sagen:
je nachdem in welcher Lebensphase man sich grade befindet, gibt es tief verborgene Fragmente, die einen Auslöser – die Rätsel – brauchen damit man sich wieder an sie erinnert.
Aus Liebe zur Gestaltung
In einer Zeit, in der unser Alltag von Effizienz, Rationalisierung und digitalem Overload geprägt ist, möchte ich ein Zeichen für Entschleunigung, Sinnlichkeit und spielerischer Erfahrung setzen. Mein Objekt soll genau dieses Bedürfnis ansprechen – es fordert uns auf, zu verweilen, zu berühren und zu entdecken.
Ich habe mich mit der Frage beschäftigt was für ein Leben wir uns schaffen, wenn wir sämtliche Hürden aus ihm streichen und uns in die totale Komfortzone begeben. Ich habe versucht Prinzipien der Zugänglichkeit, Schnelligkeit und Benutzerfreundlichkeit im Design zu hinterfragen und einen Gegenvorschlag zu erarbeiten.
Das Archiv steht auf vier Rollen. Die einzelnen Schubkastenelemente sind jeweils um 90° versetzt übereinandergestapelt, sodass sie sich spiralförmig in alle vier Richtungen öffnen. Das erfordert eine aktive Auseinandersetzung mit dem Möbel, denn um an alle Fächer zu gelangen, muss man entweder um das Archiv herumgehen oder es mithilfe der Rollen drehen.
In dem Archiv für Erinnerungen haben alle Gegenstände platz, denen man eine besondere Bedeutung zuweisen möchte. Das können Mitbringsel aus dem Kindheitsurlaub sein, Steine, Bilder, Konzertkarten, Briefe oder geerbter Schmuck.
Über die vier Module, die an der Konsole angebracht sind, steuert man das Archiv. Es gibt ein Modul mit einem großen Auswahlrad, mit der man sich den Schubkasten auswählt, den man öffnen möchte. Ein Lichtstreifen zeigt die ausgewählte Erinnerung an.
Anschließend müssen alle drei Rätselmodule in beliebiger Reihenfolge gelöst werden, damit sich die Erinnerung öffnet. Um zwischen den Modulen zu wechseln, befindet sich an der Seite der Konsole ein weiteres Drehrad, mit der sich der ganze Kopf drehen lässt. Die Rätsel funktionieren alle recht simpel, es gibt entweder Taster, oder Drehregler und als Rückmeldung für die Eingabe, leuchten kleine LEDs auf. Es gibt keine Anleitung – die Spiele müssen selbst erkundet werden.
Das zentrale mechanische Element der Konsole besteht aus zwei Beinen, zwischen denen ein Quader gelagert ist, der sich um seine eigene Achse drehen kann. Die Drehbewegung wird geführt und gleichzeitig an vier Rastpunkten klar begrenzt. Diese Rastpunkte sorgen für eine eindeutige haptische Rückmeldung und verhindern unbeabsichtigte Zwischenstellungen. Im linken Bein ist außerdem noch ein Gleitkontakt untergebracht. Der Gleitkontakt ermöglicht es, dass sich die im Inneren des Quaders geführte Elektronik mitdrehen kann, während das Verbindungskabel zum Sockel feststeht und nicht verdrillt wird.